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Essay Nr. 1: aufrüttelnde Ansichten – ein Ausflug unter Fremden

Sachsen, Deutschland im Juni 2015

Ich steige an Leipziger Hauptbahnhof in einen silbernen Ford Focus. Es ist zwanzig nach sieben und ich bin als letzte der Fahrgemeinschaft schon fünf Minuten zu spät. Man beäugt mich kurz und ich stelle mich vor. Mit mir reisen zwei Damen Mitte fünfzig, eine in den Dreißigern und die Metall hörende, aus Bayern stammende Fahrerin als das Küken mit gerade mal fünfundzwanzig Jahren. Eine Karre voller Weiber, denke ich mir. Ich verstaue meinen Rucksack im Kofferraum und werde überredet aufgrund meiner Schmalheit hinten in der Mitte zu sitzen. Nach kurzer Zeit stelle ich fest, dass dieser unbeliebte Platz gar nicht so übel ist. Man bekommt von allen Gesprächen, die im Wagen stattfinden mindestens die Hälfte mit. Die beiden Omis rechts und links neben mir (und das ist keine Beleidigung, denn beide kommen gerade vom Enkelkinderhüten in der Messestadt) stammen aus Zwönitz und Schönburg bei Zwickau. Die Chemnitzerin auf dem Beifahrersitz berichtet von Veranstaltungen, die sie gemacht habe und spricht von Drehtagen. Als ich sie danach frage, erklärt sie mir, sie schminkt Kinder.

Nach ein wenig Smalltalk und der Frage des Grundes für meinen Ausflug nach Chemnitz, bei dem ich erkläre, dass ich fotografiere, kommen wir zu den ernsteren Themen. Ich sage nichts, lausche und überlege nach kurzer Zeit, ob ich es unauffällig bewerkstelligen könnte, die Aufnahmefunktion an meinem Handy zu aktivieren, ohne, dass es eine von ihnen mitbekommen würde. Die Dialekte sind so eindrucksvoll, leider kann man sie nicht so richtig aufschreiben. Stellen wir uns das nachfolgende Geschehen also in einer erzgebirgisch-vogtländisch-bayerischen Sprachmischung vor.

Wir fahren am in Leipzig stehenden Bundesverwaltungsgericht vorbei und eine meiner Banknachbarinnen gibt zu verstehen, dass ja hier am vorletzten Wochenende schon so einiges los gewesen sei, man habe den gesamten Bundesgerichtshof beschmiert und verschandelt. Sichtbar inneres Kopfschütteln bei allen Zuhörerinnen. Bei der weiteren Ausführung, dass es ja so was vor einiger Zeit bei ihrem Sohn im Amtsgericht schon ein mal gegeben habe und da sage und schreibe vierzig Scheiben eingeschlagen worden seien, spürt man die Wut auf die Täter immer deutlicher, welche „sie natürlich nicht gekriegt ham“. Ich werfe ein, dass es sich bei der ersten Tat in Leipzig in diesem Jahr um eine Aktion für die erstochenen Asylbewerber in Dresden handelte, dessen Todesumstände die Polizei dort wohl zu verschleiern versucht hatte. Hierauf ernte ich die Frage, was die denn auch alle hier wollen. Und schon sind wir mitten drin. Noch bevor ich antworten kann, donnern von rechts und links die Argumente. Wieso ist Deutschland das Land in Europa, welches die meisten Flüchtlinge aufnimmt? Was sollen die hier alle? Wer soll sich um die kümmern. Und warum bauen die nicht ihr eigenes Land wieder auf, anstatt hier herumzuhängen.

Ich frage, wo die Info her kommt, dass Deutschland die meisten Flüchtlinge aufnimmt. Das kam im Fernsehen. Aha denke ich. Dann muss es sicher stimmen. Die Frau rechts von mir berichtet gleich ganz inbrünstig, dass sie sich in die Bürgersprechstunde in Zwickau herein gemogelt habe. Es seien willkürlich fünfhundert Leute eingeladen worden, die dann auch nur mit Einladung und Personalausweisen Zugang zur Fragestunde bekommen hätten. Leider hatte man ihren Heimatort vergessen, sie kannte zumindest niemanden, der eingeladen worden war. Ich denke mir, dass das schon ganz schön unfair ist – auf der anderen Seite hat sich die Stadt vielleicht auch gedacht, dass dann so alle Meinungen vertreten sein würden, wenn man per Zufall einlädt. Sie jedenfalls hat es ohne Einladung hineingeschafft. Das Projekt, welches besprochen werden sollte, war ein Flüchtlingsheim in Zwickau an einer Landstraße für zweihundertfünfzig alleinstehende Männer aus Syrien. Ich frage sie, wie die allgemeine Stimmung war und sie meint, „ganz friedlich, ich war total überrascht“. Mich beschleicht der Gedanke, dass sie schon ein wenig Trubel erwartet hatte und sogar etwas traurig gewesen sein könnte, dass dieser nun nicht ausgebrochen war. Die Leute, berichtet sie weiter, haben so komische Fragen gestellt. Es gibt an der Hauptstraße, an der das Heim eingerichtet werden sollte, wohl weder Fuß- noch Radweg. Die nächste Einkaufsmöglichkeit ist runde fünf Kilometer weg und ein Bus fährt nur ein mal in der Stunde. Ein Interessierter fragte nach der Möglichkeit, einen Rad- und Fußweg zu errichten. Die inzwischen von ihrer eigenen Geschichte erzürnte Frau zu meiner rechten (und dort saß sie vielleicht nicht umsonst) fragte – ohne eine Antwort zu erwarten – wie es denn sein könne, das man ihr schon vor Jahren zum Zwecke der Energieersparnis die Straßenbeleuchtung gestrichen hätte. Und einen Fußweg gäbe es bei ihr im Dorf auch nicht. Ich sehe ihr jetzt richtig an, wie verzweifelt sie über diese Ungerechtigkeit ist. Und die Ausländer sollen jetzt einen Radweg bekommen. Nur weil es an der Schnellstraße keinen Rad- oder Fußweg gibt. Nicht zu fassen. Außerdem ist in der Nähe des damals noch geplanten und inzwischen wohl auch errichteten Heimes eine Schule. Eine besorgte Mutter habe sich ebenfalls der Diskussionsrunde beim Zwickauer Bürgermeister angeschlossen und die Frage geäußert, was denn nur aus ihrer Tochter werden solle, wenn diese jeden Tag auf dem Weg zur Bushaltestelle an diesem Haus vorbei müsse. Ich denke nach und komme zu dem Schluss, dass aus dem Mädchen wohl mal eine Frau werden wird. Und wenn sie jeden Tag zur Schule geht, dann vielleicht auch eine kluge Frau. Ich sage nichts.

Die Frau links von mir meldet sich zu Wort, dass bei ihr im Ort fünfzehn Asylbewerber leben würden. Die bekommt man gar nicht mit meint sie, die halten sich sehr zurück.

Womit? frage ich mich. Egal. Sie wettert nicht. Sie akzeptiert und meint, dass sicher der Grund für den Frieden in Zwönitz jener ist, dass die fünfzehn Asylanten dergleichen Nationalität angehören würden. Weil die alle aus einem Land kommen, meint sie. Ich denke wieder nach. Wie viele Fehden zwischen radikalen Nationalisten, Religionsfanatikern und Regierungsgegnern gibt es auf der Welt – und wie viele davon in ein und demselben Land? Ich sage nichts und denke noch ein wenig darüber nach. Vom Beifahrersitz höre ich die ziemlich ekelige Geschichte, dass wohl in einem Chemnitzer „Ausländerheim“ deutsche Arbeitslose zum Putzen abgestellt worden seien. Die „Ausländer“ hätten dann in der Anwesenheit der Deutschen direkt vor diesen auf die Fußböden gekackt und gepinkelt und dann das „Wegmachen“ von den Deutschen verlangt. Ich denke an „Ganz unten“ von Günter Wallraff und erinnere mich an Ali. Ob sie dieses Buch gelesen haben? Ich beschließe, es nicht weiter zu erwähnen.

Am Ende der Fahrt fragt mich die Dame vom Beifahrersitz, was ich denn in Chemnitz denn eigentlich fotografieren werde. Als meine Antwort lautet: „ein Asylbewerberheim“ erfahre ich ein seichtes Tschüß. Betretenes Schweigen. Die Tür fällt zu und der Ford Focus verschwindet im Chemnitzer Nieselregen.