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Essay Nr. 3: Abschiebung

Kurz nach sieben Uhr, ich verlasse das Haus. Heute stehen zwei Polizisten vor der Eingangstür einer Wohnung im Erdgeschoss. Als ich sie frage, was passiert ist, zucken sie mit den Schultern. Ich muss mich beeilen, schnelle also die letzten Treppenstufen hinab und trete auf die Straße. Direkt vor mir zwei grün-weiße Kleintransporter mit einprägsamem schwarzen Buchstabenaufdruck. Ein weiterer Beamter steht auf der Straße und versucht, in die gardinenverhangenen Fenster hineinzuschielen. Er trägt weiße Einmalhandschuhe aus Latex. Ich denke an eine Razzia und frage, was der Anlass dieses Aufgebotes sei.

Er lächelt mich an und sagt mit schon fast heiterer Stimme „Eine Abschiebung!“

Ich schlucke. Meine Nachbarn werden also gerade abgeschoben? Bislang war der Staatslakai freundlich gewesen. Dennoch. Ich erkläre ihm, dass ich eben noch vor hatte, ihm einen schönen Tag zu wünschen, dieses in Anbetracht der eben erhaltenen Informationen aber nun nicht mehr für angebracht halte. Er schaut betroffen und meint, dass er das ja auch nicht gut finden würde. Ich frage ihn, warum er dann hier ist, warum er sich beteiligt, obwohl er nicht dahinter steht. Er zuckt mit den Schultern. Es sei seine Arbeit, er habe keine Wahl. Ich sage ihm deutlich, dass er sehr wohl eine hat. Als er mich fragt, wie er das zu verstehen habe, erkläre ich ihm, dass man bei allem, was man tut, entscheiden kann, ob man eben dieses tut. Und weiter, dass er es einfach lassen könnte. Er meint, es sei Gesetz und einer müsse es ja machen. In diesem Fall er, ob er es nun gut findet oder nicht. Ich schüttle mit dem Kopf und versuche, meinem ratlos dreinschauenden Kind zu erklären, was eine Abschiebung ist. Das versteht natürlich kein Wort und denkt, dass nun gleich ein Abschlepptransporter kommt, weil die Nachbarn falsch geparkt haben. Ja. Irgendwie kann man das doch ganz gut vergleichen. Der Weg zur Schule wird zur Fragestunde und ich komme nicht umhin, mir selbst die von meinem Sohn gestellten Fragen wieder und wieder durch den Kopf gehen zu lassen. Warum darf unsere Nachbarsfamilie nicht bleiben, wo sie ist? Warum darf die Polizei sie einfach mitnehmen. Wo wohnen sie denn nun? Was haben sie falsch gemacht? Ich weiß keine Antworten. Ich sage ihm, dass sie nichts falsch gemacht haben und komme natürlich sofort in die Bredouille: Warum passiert das dann, wenn doch eigentlich alles in Ordnung ist? Darf die Polizei auch bei uns klingeln und uns weg bringen?

Nach der Schule kehre ich zurück. Die Polizeitransporter stehen noch immer vor dem Haus, ein Fahrzeug wurde inzwischen umgeparkt. Beamte sind keine mehr zu sehen, in der Wohnung meiner Nachbarn brennt jetzt Licht und ich höre viele Menschen sprechen. Deutsch, Englisch und leises Weinen.

Ich warte einen Moment, überlege, was ich tun kann. Jemanden anrufen? Aber wen? Und was dann? Mit fällt nichts ein. Es ist merkwürdig, dass die ganze Aktion nun schon beinahe eine Stunde dauert. Dann kommt ein Rettungswagen angebraust und zwei Sanitäter gehen in die Wohnung. Es dauert eine weitere Stunde und immer wieder verlassen einzelne Polizisten die Wohnung, um etwas aus ihren Autos zu holen. Sie tragen schwer anmutende kofferähnliche Umhängetaschen in rot und schwarz, sie sehen aus, wie Notfallkits.

Es ist 10:30 Uhr, als meine Nachbarn aus ihrer Wohnung geleitet werden. Vorher hat man alle möglichen Taschen und Beutel in den beiden bereitstehenden Transportwägen verstaut. Vater und ältester Sohn werden separat von der Mutter und den beiden kleineren Kindern zum Einsteigen gebeten. „You will see each other at the airport again“ sagt ein Polizist zu dem hilflos schauenden Familienvater Mitte vierzig, der seine Frau im vor der Tür wartenden Wagen weinen sieht, das Baby auf dem Schoß. Er nimmt seinen Sohn an die Hand und die beiden passieren die Straße bis zum auf der anderen Seite wartenden Staatstaxi, welches sie nun zum Flughafen bringen wird.

Und nun noch mal die Frage an den Polizisten von heute morgen: Warum tun Sie das?

,,So lange Leute gewählt werden, die solche Maßnahmen per Gesetz gutheißen, bin ich als Polizist daran gebunden, das dann auch umzusetzen. Wenn die Leute anders wählen würden, wäre die Situation auch eine andere.“

Aha, denke ich. 10:41 Uhr, der Himmel ist fahl und grau und es regnet, als sich die Kolonne in Bewegung setzt.

Es ist jetzt still im Haus und auf der anderen Straßenseite entdecke ich in gewohnter Pose einen Mann. Er trägt eine leere Flasche Bier bei sich, wankt und spuckt lallend auf den Gehweg. Recht hat er.