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Essay Nr. 2 – endlich ganz normale Menschen

Erfahrungen einer Leipzigerin im Juli 2015

Ich steige auf mein Fahrrad und mache mich auf den Weg zur Verabredung mit einer Freundin. Sie wohnt im Leipziger Westen, südlich des „Adlers“. Schon beim letzten Besuch fragte ich mich, wie dieser Ort den Namen eines solch edlen Tieres erhalten hat. Ein Buch aus der dortigen Stadtteilbibliothek verriet es mir: bis Mitte der neunziger Jahre stand hier ein Haus, welches den Gasthof „Goldener Adler“ beherbergte. Auch vom Gold ist heute nicht mehr viel übrig, denke ich mir, als ich die Kreuzung passiere. An der Stelle, an dem sich einst das Wirtshaus befand, steht nun ein mit blinkenden LEDs versehener Chinaimbisswagen.

Ich radle weiter bis zu dem Haus mit den zerbrochenen Scheiben in der Eingangstür. Das hatte sie mir schon am Telefon gesagt, die seien jetzt kaputt. Ich sehe mich um und frage mich, ob ich mein Fahrrad hier bedenkenlos anschließen kann. Ich kann. Die Scheiben sind tatsächlich hinüber, genau wie in dem Lokal nebenan, der mal so eine Art Schnellrestaurant gewesen sein muss. Ich drücke auf den Klingelknopf. Und noch mal. Als niemand öffnet, verrät mir der Blick auf mein Handy, dass ich schneller war, als gedacht und noch eine halbe Stunde Zeit ist bis zu unserer Verabredung. Ich sehe mich um. Auf der anderen Straßenseite dreht sich eine bunte Windmühle vor einem Laden in der verregneten Luft. Sie färbt den Moment. Dann beginnt dieser magische Moment zu stinken, ich bin in einen Hundehaufen getreten. Shit happens heißt es und so muss man das wohl auch sehen. Als es wieder zu regnen beginnt, beschließe ich, hinein zu gehen – die Tür ist ja schließlich schon offen.

Im ersten Moment frage ich mich, ob hier ein Film gedreht wird. Es sieht ein wenig aus, wie die Kulisse von Jim Carroll.

Wir sitzen auf ihrem Balkon, es ist ruhig. Der Wind rauscht und sie lächelt besonnen in ihre Kaffeetasse. „So war das nicht immer“, beginnt sie zu berichten. Ich hole mein Notizbuch hervor und schreibe mit, als sie in ihre Erinnerungen ausschweift.

Noch vor kurzer zeit konnte ich diese wundervolle Aussicht nur selten genießen. Der Grund waren meine Nachbarn, genauer gesagt, die Familie in der Wohnung über mir. Zwei Erwachsene und deren drei Söhne. Ich schätze, sie waren zwischen 16 und 21 Jahren alt. Sie schrien sich oft an, tranken, trampelten und waren einfach asozial. Ich möchte nicht gemein werden, wenn man aber auf seinem Balkon steht und von oben herab ein einzelner Strahl gelblicher Flüssigkeit in den Hof fällt während sich einige Jugendliche lallend darüber austauschen, fällt mir kein passenderer Begriff, als dieser, dazu ein. Ach ja, weil ich gerade beim Balkon bin. An einem Samstagmorgen stand ich in der Küche, als ich aus den Augenwinkeln sehe, wie ein Couchsessel an meinem Balkongeländer vorbei fliegt. In den Hof, zur gleichen Stelle, an der auch der gelbliche Strahl gelandet war. Über mir ist nur noch diese eine Wohnung. Als ich dann in den Hof schaute, sah ich dort neben den vielen Mülltonnen niemanden stehen. Der Sessel lag einsam und allein ziemlich lädiert mittendrin. Ich dachte mir, dass es ein großes Glück ist, dass ich so faul bin und meinen vollen Mülleimer nicht schon vor dem Frühstück nach unten gebracht hatte. Das wäre dann vielleicht mein letzter Morgen gewesen. Erschlagen von einem Pinkelsessel – es gibt schönere Wege, das Zeitliche zu segnen, stelle ich mir vor.

Als ich irgendwann mal wieder nächtens den Weg nach oben antrat, um um etwas Ruhe zu bitten (ich bin wahrlich kein ruhiger Mensch, bei fünf Stunden lautstarker Chartmucke morgens um drei kann einem dann doch schon mal irgendwie die Toleranz verloren gehen), öffnete mir nach eindringlichem Dauerklingeln der jüngste Sohn der Familie schon mit reumütigem Blick. Nicht die Tür, nur das kleine Fenster darin. Er meinte, er sage Bescheid und es täte ihm leid. Zurück in meinem Bett war die Musik nun einen Hauch leiser, dafür hörte ich jetzt chorale Trinkrufe. Sie schienen Besuch zu haben, ziemlich betrunkenen Besuch. Schon wieder.

So verging eine ziemlich lange, nervenaufreibende Zeit. Anfänglich ging ich öfter nach oben und versuchte, zu reden. Es brachte nichts. Im Gegenteil. Nach einem solchen Versuch, ratterte ich mit meinem Fahrrad einmal quer bei rot über eine vierspurige Kreuzung, weil die Bremsen nicht mehr funktionierten. Das Fahrrad stand in der Nacht zuvor, wie auch sonst immer, im gemeinsamen Fahrradkeller. Ich entschied, dass dies zu weit ging und Anzeige erstattet werden sollte. Der Polizist, welcher sie aufnahm lächelte mich mitleidig an und meine „Ach herrje!“ als ich ihm auf seine Frage hin, ob ich einen Verdacht hätte, den Familiennamen meiner Nachbarn preisgab.

Ich erfuhr im laufe der Zeit eine Menge über meine Nachbarn. Sie tranken gern. Er Bier im angrenzenden Stadtpark auf einer Parkbank mit Freunden. Ab morgens um acht. Sie vorzugsweise Sekt. Irgendwo anders oder zu Hause. Wenn sie sich dann oben trafen, gab es Streit, lange und laut. Es flogen Türen und Fenster, manchmal auch Gegenstände (oder vielleicht sogar Menschen?). Es rumpelte jedenfalls bei diesen Streitereien immer ziemlich übel. Ein mal so sehr, begleitet von schon beinahe flehenden Schreien einer jungen Frau (deren Stimme ich zuvor nicht wahrgenommen hatte), dass ich es mit der Angst zu tun bekam und die Polizei rief. Die beiden Beamten kamen drei Stunden später und fanden niemanden mehr vor. Ich vermutete, dass das Mädchen vielleicht erschlagen oder aber ihr Peiniger seinem Konsum inzwischen erlegen war. Es war jedenfalls Ruhe. Für einen Moment.

Die Kinder waren eigentlich immer zu Hause, vielleicht schon fertig mit der Schule. Wenn ich mich an so manches Gespräch im Treppenhaus erinnere, waren sie allerdings meiner Meinung nach noch nicht fertig. Noch lange nicht. Da hätte zumindest theoretisch noch eine ganze Menge in ihre Köpfe hineingepasst.

Vor einigen Monaten erfuhr ich, dass die Familie ausziehen müsse. Ich jubelte innerlich. Ok, nein, ich jubelte auch äußerlich. Der Abschied zog sich jedoch eine ganze Weile hin, die Wochen vergingen und die Mitglieder der Familie selbst schienen nun auch den letzten Funken Verstand verloren zu haben, den man einem Menschen grundsätzlich zuschreibt. Es wurde gewütet. Tag und Nacht. Nicht nur in der Wohnung. Im gesamten Haus. Neben Geräuschen, die von einem Presslufthammer hätten stammen können dröhnte nun die Musik vierundzwanzig Stunden lang. Es lallte und grölte unentwegt von oben herab. Aus den Fenstern auf die Straße zu vorbeigehenden Passanten, im Hausflur untereinander und zu Mitbewohnern. Jeden Tag, jede Nacht. Hätte ich nicht gewusst, sie würden bald gehen, hätte ich wohl kapituliert und selbst den Rückzug angetreten. Die schöne Aussicht auf das stille Dasein auf meinem Balkon ließ mich ausharren, stark sein und mir immer wieder sagen: bald. Bald sind sie weg. Bald.

Meine Hoffnung nahm kein jähes Ende und ich wurde für all meine Geduld belohnt. Eines Tages waren sie tatsächlich weg. Nicht, ohne eine Spur der Verwüstung zu hinterlassen freilich. Sperrmüll stand nun überall herum. Nicht eine Wand im Haus hatten die Jungs verschont, überall findet sich ihre Handschrift. Wortwörtlich kann man das schon sehen. Neben Graffitis und Taggs sind auch einfache Linien – gerade und geschwungen – sowie kleine und große Kritzeleien zu sehen. An Wänden, Fenstern, Türrahmen und ja, sogar auf den Stufen der Treppen, die hinauf führen zu ihrer Höhle. Ich sage Höhle, weil es mir beinahe so erscheint, als ob diese Familie eine Art Dasein im Sinne der Steinzeitmenschen führte. Die Existenz auf das nackte Überleben ausgelegt. So sehe ich jetzt auch die Malereien, die das Haus verzieren – jedes Mal, wenn ich die Treppen besteige – als eine Art Höhlenmalerei, die daran erinnern soll, dass sie existiert haben, diese Menschen. Vielleicht wollten sie sich damit verewigen, als ihnen klar wurde, dass sie bald weiterziehen würden.

Nun sind sie jedenfalls weg und ich bin mehr als froh darüber. Kurze Zeit nach ihrem Aus- (oder Ab-)zug kamen die Handwerker, um das hinterlassene Chaos in der Wohnung zu beseitigen. Sie übertraten die Türschwelle und ich konnte von einem Treppenabsatz darunter sehen, wie sie ihre Köpfe schüttelten.

Seit ein paar Tagen habe ich neue Nachbarn in der Wohnung über mir. Ich habe sie nicht gehört, nur gesehen, kurz gesprochen. Eine geflüchtete Familie aus Syrien mit fünf Kindern. Sie lächeln und grüßen im Hausflur. Ich freue mich über meine neuen Nachbarn, nun sitzen wir zeitgleich auf dem Balkon und genießen die Sonne. Wie ganz normale Menschen.“

Inzwischen haben wir unseren Kaffee ausgetrunken, ich muss mich verabschieden. Hier vergeht die Zeit immer so schnell. Aber ich habe noch einen Termin. Auf dem Weg nach unten betrachte ich das eben detailreich beschriebene Treppenhaus. Sie hat recht, es gleicht einer verlassenen Höhle, in der jemand sein Dasein für die Ewigkeit festhalten wollte. Es ist beeindruckend. Ich zücke meine Kamera und halte es fest, schließlich werden auch hier irgendwann Renovierungsarbeiten stattfinden, die diese Werke verbannen aus dem Sichtfeld derer, die zurück geblieben sind. Wo diese Familie jetzt wohl untergekommen ist? Als ich gerade darüber nachdenke, und mich ein Gefühl von Mitleid für ihre neuen Nachbarn überkommt, schiebt ein dunkelhäutiger Mann mittleren Alters die Haustür auf. Ich halte sie für ihn fest, er ist mit Einkaufstüten und einem Kinderfahrrad bepackt. Als er mir zuzwinkert und sich bedankt sich, sehe ich eine tiefe Narbe an seiner Schläfe. Er lächelt weiter, seine weißen Zähne lassen mir keine Wahl, ich lache zurück. Meine Freundin hat Glück mit ihren neuen Nachbarn, denke ich. Endlich ganz normale Menschen.